Lauf bericht vom Swiss Alpine K78 Marathon in Davos
Irgendwann im Februar dieses Jahres kam ich auf die saudumme Idee, mich zum K78 in Davos anzumelden. Vielleicht war es der Reiz meine Grenzen neu kennen zu lernen, da eine solche Strecke (78.5km) inklusive der Höhenmeter (2300hm) auch für einen Marathonläufer eine neue Herausforderung darstellt.
Zwar habe ich den Oberstaufener Alpin Marathon im letzten Jahr ganz gut bewältigt, aber der ist halt doch noch etwas kürzer.
Wenn schon in die Schweiz, dann verbindet man das halt mit einem langen Wochenende, also Hotel gebucht, jetzt gibt es kein zurück mehr.
Den zweiten Fehler, den ich begangen habe, war der, es jedem zu erzählen. Was soll’s.
Mittlerweile habe ich einige Wettkämpfe bestritten, die alle zur Zufriedenheit verlaufen sind, auch wieder den Alpin Marathon in Oberstaufen sozusagen als Generalprobe.
Die langen Läufe am Wochenende hängen mir schon ein ganz klein wenig zum Hals raus, aber man hat’s ja so gewollt.
Donnerstags in Davos angekommen habe ich mir auch gleich meine Unterlagen abgeholt und das Start und Zielgelände besichtigt.
Die Nervosität steigt.
Der Wecker klingelt um 5 Uhr morgens, es ist Samstag der 30. Juli 05 –Wettkampftag-.
Keine Experimente beim Frühstück . Alles machen wie immer, als wäre es ein kleiner Lauf vor der Haustür. Laufsachen an und los geht’s zum Startbereich, um 7 Uhr fährt der Bus.
Das Internationale Flair motiviert einerseits, aber trägt auch nicht gerade zur Beruhigung bei.
8 Uhr –Start-. Erst eine kleine Runde durch die Stadt, ich versuche, mein Tempo zu finden, muss mich mehrmals bremsen, um nicht zu schnell zu werden. Die anderen ziehen an mir vorbei. Habe ich alles richtig gemacht schießt mir durch den Kopf.
Das Wetter ist besser wie vorausgesagt, sonnig bis bewölkt, man könnte sagen ideal.
Nach ein paar Kilometern wechselt der Untergrund zwischen Asphalt und Wanderpfade hin und her. Es kommen Waldwege hinzu über Stock und Stein.
Wir passieren schnuckelige Dörfer wie Spina und Monstein. Es folgt eine Passage durch die Zügenschlucht und diverse Tunnel, auf jedenfall sehenswert. Am Bahnhof in Wiesen ist super Stimmung. Man hört die Zuschauer und die Lautsprecher schon von weitem. Jetzt geht es direkt neben der Bahnstrecke über den Wiesner Viadukt. Bloß nicht nach unten schauen, denn es geht schon recht weit runter und die Erweiterung der Brücke für die Fußgänger rappelt beachtlich.
Spätestens auf dem Weg nach Filisur bleiben die Laufsocken nicht mehr weiß, denn hier staubt es ganz schön. Filisur selbst hat das gewisse Flair aus einem Heimatfilm, zumindest kommt es mir so vor.
Der tiefste Punkt der Strecke ist erreicht, war der letztere Teil der Strecke eher abfallend geht es jetzt doch wieder merklich bergauf. Relativ parallel zur Strasse laufen oder gehen wir auf Wanderwegen weiter, bis wir auf die Bergünerstrasse kommen. Auch hier ist das Tempo nicht gerade das schnellste, bis es flacher wird und wir wieder in den Laufschritt wechseln können, damit es hoch erhobenen Kopfes nach Bergün geht.
Kilometer 39,2 die Hälfte wäre geschafft zumindest von den Kilometern her. Hier ist wahrlich der Teufel los. Der K42 und der C42 starten hier und die Zuschauer bilden eine enge Gasse durch den Ort. Mit Musik und Moderator wird man angefeuert und wer Glück hat, wird mit Namen erwähnt.
Gänsehautfeeling.
Ich fühle mich immer noch gut, wohlwissend die erste Hälfte doch unterschätzt zu haben, aber was kommt jetzt wohl auf mich zu? Ab jetzt beginnt der Lauf ja überhaupt erst ein Ultra zu werden, denn nicht nur das ich die gleiche Strecke noch mal laufen muss, sondern geht es zudem mächtig bergauf.
Noch ist die Strasse breit, aber ans laufen ist nur noch in kurzen Flachstücken zu denken.
Ein Vorteil hat die Sache, denn hier hat man tatsächlich Zeit, sich auch mal ein wenig umzusehen. Seit Bergün sind wieder 8km auf der Habenseite und jetzt nach Chants folgen wohl die langsamsten 5km seit ich Wettkämpfe bestreite. Es geht in schmalen Wegen zum Himmel, hoffentlich wird das nicht die Hölle.
Mein Vorteil, in den Bergen trainiert zu haben, fängt an, sich auszuzahlen, kann ich mich mit meinen Elefantenschritten doch an einigen anderen Läufern vorbeizwängen. Aus den einst grünen Wiesen und Wäldern am Rand der Strecke ist eine karge steinige Landschaft geworden. Der bunte Läuferwurm zieht sich die Serpentinen nach oben.
Man kann die Keschhütte schon sehen, das ist der höchste Punkt der Strecke. Irgendwie fühle ich mich ein wenig stolz und berauscht hier oben auf 2632m, hoffentlich ist das nicht die Höhenluft. Zirka sechs Stunden habe ich für die knapp 53km gebraucht, der Sieger dürfte jetzt wohl schon im Ziel sein.
Der Wanderpfad geht weiter, vorerst etwas bergab. Hier ist äußerste Vorsicht geboten, damit man nicht umknickt und das Rennen beenden muss. Fast hätte ich die Abzweigung zum Panoramatrail verpasst, so gebannt wie ich auf die Unebenheiten achte.
Die K42er müssen hier etwas unterhalb des Trails über die Alp Funtauna laufen, auch möglich für die K78er, die sich den Trail nicht zutrauen.
Die ganzen Bekloppten laufen weiter auf dem Panoramatrail, aber was heißt hier eigentlich Panorama, kann ich meinen Blick kaum von der Strecke heben, um das auch einmal genießen zu können. Na ja sieht sowieso aus wie auf dem Mond.
Wir nähern uns dem Scalettapass, an dem Dr. Beat Villiger jedem Läufer die Hand schüttelt und in die Augen sieht.
7 std und 15 m stehen auf der Uhr, so lange war ich noch nie läuferisch auf den Beinen und erstaunlicherweise habe ich keine Probleme. Die Massagestation brauche ich deswegen auch nicht in Anspruch nehmen, obwohl es schon gut tun würde.
Bergab geht’s eine Geröll und Schotterpiste hinunter und zwar steiler als ich es wünschen würde. Koordination ist hier gefragt.
Ich merke, wie mein Fuß langsam anfängt, beim Bremsen zu rebellieren und sich in Form von Blasen bemerkbar macht.
Das Schild noch 15km kommt mir fast wie eine Wohltat vor, hatte ich im ersten Drittel der Strecke diese Schilder mit der Kilometeranzeige, die noch zu laufen sind, doch zum Teufel gewünscht.
Nachdem wir Dürrboden passiert haben, wird die Strecke dann auch wieder etwas flacher und
angenehmer zu laufen.
Mir wird klar, das ich das Ziel wohl erreichen werde, denn selbst wenn ich gehen müsste, schaffe ich den Rest in der vorgegebenen Zeit.
Immer noch verwundert über meine körperliche Verfassung fange ich an, meine Pace noch zu erhöhen, um eine gute Zeit rauszuholen.
Ich habe das Gefühl, ich fliege durch das Dischmatal zurück nach Davos. Die Kilometerschilder beflügeln zusätzlich, denn das Ziel rückt näher. Das wellige Profil tut zwar etwas in den Beinen weh, aber ich verdränge die leichten Schmerzen und laufe weiter.
Die letzte Verpflegungsstation passiere ich ohne Halt.
Es geht links in den Wald und ich glaube es kaum, es geht rauf. Oh weh!
Die Zähne zusammengebissen und weiter geht’s.
Ein Schild mit den Zahlen 2,5 drückt mir fast Tränen in die Augen.
Wieder in Davos hört man den Stadionsprecher schon, die Zuschauer stehen wieder dichter und die letzten Anfeuerungen holen noch mal das letzte aus einem raus.
Da sind das Stadion, das Ziel, die Medaille und das heiß ersehnte Finishershirt.
Im Vollrausch genieße ich die halbe Runde im Stadion.
Die Uhr über dem Ziel steht bei 8 Stunden und 51 Minuten.
Ich kann meine Gefühle kaum beschreiben und ich denke das Erlebnis werde ich auch erst ein wenig verarbeiten müssen.
Aber war es auch mein erster Ultramarathon, war es bestimmt nicht mein letzter.
Hatte ich vor dem Lauf Zweifel, überhaupt an zu kommen, bin ich mit der Zeit natürlich mehr als zufrieden. Die Blasen an den Füßen vergehen, der Stolz bleibt.
Jedem ambitionierten Langstreckenläufer, dem die Marathonstrecke zu kurz wird, kann ich den K78 als tollen Landschaftslauf empfehlen.
Ein Erlebnis, das man so schnell nicht vergisst.
Ich wünsche allen Läufern ein erfolgreiches restliches Wettkampfjahr und bleibt gesund.
Euer Pierre Jabow
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